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15-02-2018 / 11:00

Nadine Wallner — Freeriden am Cima Tosa

Nadine Wallner & Simon Wohlgenannt befahren den Canalone Neri, eine Steilwandrinne am Cima Tosa in Italien. Mit 900 Höhenmetern und bis zu 50° Steilheit eine spektakuläre Tour. Geniess die imposanten Bilder und lies den spannenden Erlebnisbericht der beiden Freerider.

Ende März 2017, die Skifahrer in den Nordalpen leiden unter einer Warmfront. Obwohl der Eindruck entsteht, dass der Winter sich frühzeitig verabschiedet ist unser Skihunger noch lange nicht gestillt. Während sich die meisten Powderjunkies bereits auf ihre Mountainbikes schwingen oder sich am Fels die Finger lang ziehen, beobachten Nadine und ich aufmerksam das Wetter und die Verhältnisse. Das geplante Projekt in der Ostschweiz lässt sich nicht umsetzen, aber Nadine hat noch ein anderes Ziel im Kopf: Das Canalone Neri an der Nordseite der 3.173 Meter hohen Cima Tosa, dem höchsten Gipfel der Brenta-Gruppe, in Norditalien. Eine gemäßigte alpine Eistour oder im Winter mit ausreichend Schneeauflage eine Skiline mit 900 Höhenmeter und Abschnitten mit rund 50 ° Steilheit. Das lange Couloir wurde erstmals 1970 von Heini Holzer, einem italienischen Alpinisten und einem der berühmtesten Extrem-Skifahrer der 70er Jahre, befahren. Im Laufe der Jahre wurde das Canalone Neri zu einer klassischen Steilwandabfahrt mit immer mehr Skiabfahrten - auch die Tatsache, dass die mittlere Eiswand, die noch vor wenigen Jahren einen Abseiler benötigte, wegschmolz, macht es für Skifahrer interessanter.

"Eine Skiline mit 900 Höhenmeter und Abschnitten mit rund 50° Steilheit."

Zuerst bin ich skeptisch. Ein vielbefahrener Klassiker, lange Anreise und ich muss noch einen Babysitter für meinen Sohn Vinzent organisieren. Nadine zeigt mir den Wetterbericht – es war warm die letzten Tage an der Cima Tosa, jetzt kommt eine Kaltfront mit 10 – 15cm Neuschnee und danach wieder Hochdruckwetter. Ja, perfekte Bedingungen für eine Steilwandrinne. Aber ist so ein Klassiker das richtige Projekt für uns zwei? Sind die nicht überlaufen und eher Prestigeobjekt als coole Skiabfahrt? Klassiker hin oder her meint Nadine – es geht um das gemeinsame Erlebnis und bei diesen Verhältnissen sind sicher coole Freeride Turns möglich. Nadine zeigt mir noch ein tolles Bild der Rinne aus einem alten Buch, das sie von ihrem Vater hat, und schon hat sie mich überzeugt.

Vier Tage später hole ich Nadine in Klösterle am Arlberg ab und auf geht’s nach Madonna di Campiglio, unserem Ausganspunkt. Nach vier Stunden Autofahrt genießen wir im T-shirt auf einer kleinen italienischen Terrasse das Dolce Vita der Dolomiten und essen, passend zur Unternehmung, noch eine Portion Canelloni. Schnee ist weit und breit nicht zu sehen, nicht einmal am Parkplatz im Vallesinella, wo wir die Tour starten. So heißt es Bergschuhe an, Ski und alles Material in und an den Rucksack und der lange Aufstieg beginnt. Ein idyllischer Wanderweg führt uns durch einen Wald hinauf. Bald erreichen wir die Waldgrenze und die massiven Gipfel der Brentagruppe ragen über unsere Köpfe hinweg. Wir erblicken beeindruckende Felsformationen und vor allem endlich: Schnee. Über den Höhenweg können wir schon die ersten Blicke auf unser Objekt der Begierde werfen und ein Grinsen macht sich auf unseren Gesichtern breit. Es kühlt ab und wir sind zuversichtlich.

Im Winterraum des Rif. Brentei machen wir es uns mit Speck, Käse und Schnaps gemütlich und saugen die letzten Sonnenstrahlen auf. Es wird langsam dunkel und der Vollmond steigt wie ein großer Scheinwerfer über der steilen Rinne auf. Mit warmen Tee vom Gaskocher lassen wir uns von der Stille und Einsamkeit der Berge berieseln. Nur ein paar kleine freche Hausgäste, die es auf unseren Proviant abgesehen haben, huschen von Eck zu Eck.

Nach einer entspannten Nacht machen wir uns auf den Weg. Die flache Ebene und den ersten Anstieg bewältigen wir mit unseren Tourenskiern. Am Einstieg der 900m langen Steilwandrinne schnallen wir die Steigeisen an. Mit einem Pickel in der Hand setzen wir den Aufstieg in der Direttisima – der direkten Linie- durch die Rinne fort. Die Sonne geht langsam auf und lassen die dunklen Schatten der Morgendämmerung verschwinden. Die steilen und hohen Felswände links und rechts sind beeindruckend, nur schon mitten in diesem Schlund aus Fels und Schnee zu stehen ist ein besonderes Erlebnis. Wir finden einen guten Rhythmus beim Spuren und stellen im ersten Drittel schon fest, „juhuu“ wir sind am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Der neue Schnee der letzten Tage hat sich gut gesetzt und wir finden den perfekten Tourenpowder vor. Der Eiswulst in der Mitte ist fast nicht mehr vorhanden.

"Mit einem Pickel in der Hand setzen wir die 900 Meter Aufstieg durch die Rinne fort."

Schade eigentlich, wenn man es aus alpinistischer Sicht betrachtet. Jedoch für uns perfekt:  Eine 900m lange Steilwandrinne, die ohne abseilen oder kritische Passage befahrbar ist. Da können wir die Ski auch mal laufen lassen, sagen wir uns, und freuen uns auf die Abfahrt. Der steile Anstieg und die Höhe von 3.173m merken wir doch ordentlich in den Beinen und erschöpft erreichen wir um die Mittagszeit endlich das große Gipfelplateau der Cima Tosa. Wir werden mit einer sensationellen Aussicht in die Brenta- & Adamellogruppe belohnt.

Nach stiller Jause und Pause ist es endlich soweit. Wir schnallen unsere Ski an und fahren in die steile Rinne ein. Der Schnee wurde über Nacht durch den Wind ein wenig verfrachtet und eine dünne Windkruste hat sich gebildet. Fürs Skifahren bedeutet dies Vorsicht vorm Verschneiden und durch die Verfrachtung müssen wir auf kleine Schneebretter Acht geben. Stürzen ist hier keine Option.

Der Grinser im Gesicht wächst mit jedem weiteren Turn.

Nach den ersten Metern haben wir uns an die Steilheit gewöhnt, der Schnee ist nicht mehr vom Wind beeinflusst und wir können den perfekten Tourenpowder immer mehr genießen. Wir kommen in einen richtigen Flow und das Selbstvertrauen wächst. Nadine lässt es mit ihrer perfekten Skitechnik ordentlich krachen. Der Grinser im Gesicht wächst mit jedem weiteren Turn. Die 900 Höhenmeter haben es in sich und die Oberschenkel jodeln uns das Lied von dem ein oder anderen ausgelassenen Training. Spielerisch wedeln wir nach unten und nach ein paar Minuten spuckt uns die Rinne leider schon wieder aus. Doch mit dem Blick zurück breitet sich ein großes Grinsen in unseren Gesichtern aus. Erfüllt sitzen wir beim Biwak und blicken mit Stolz zum Canalone Neri und Cima Tosa zurück. Glücklich, dieses Erlebnis gemeinsam erlebt zu haben!

Text: Simon Wohlgenannt & Nadine Wallner
Bilder: Andreas Vigl

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